Liebe Freunde des KlassikSommers,

alles ist wieder, wie es war? Der KlassikSommer kehrt zurück in die Alfred-Fischer-Halle, die seit den 90-er Jahren seine Konzerthalle war. Und trotzdem ist nichts mehr, wie es einmal war. Denn 2015 und 2016 gab die Halle Menschen ein provisorisches Heim, die aus ihrer Heimat nach Deutschland flüchteten. Diesen Geist des Ortes, den genius loci, wie es lateinisch heißt, greift der KlassikSommer 2017 unter dem Leitthema „Sehnsucht | Heimat“ auf.

Wanderungen, der Verlust der alten Heimat und die Suche nach einer neuen in der Fremde sind eine Grunderfahrung des Menschen. Immer schon spiegelte sich diese Grunderfahrung in der Musik, sei es in den volksmusikalischen Forschungen von Bartók oder Brahms, sei es in der Fusion von Klassik, Jazz und amerikanischer Folklore, die Dvořák, Gershwin und andere nach ihnen entwickelten. Musik ist ein perfekter Ort für Begegnungen verschiedener Kulturkreise, gerade, weil sie keine Sprachbarrieren kennt.

Zentrales Projekt des KlassikSommers 2017 ist deshalb die Carmina Burana, gesungen von einem Chor, der Sängerinnen und Sänger unterschiedlicher Nationalitäten und Flüchtlinge, die in Hamm eine neue Heimat fanden, zur Mitwirkung einlädt. Carl Orffs universales Meisterwerk, das den Menschen als Spielball der Glücksgöttin Fortuna zeigt, der dem Schicksal ausgeliefert ist und trotzdem die Freuden des Lebens im Alltäglichen genießt, ist wie kaum ein anderes Werk für ein solches Vorhaben geeignet. Nicht zuletzt, weil die Lieder auf Lateinisch gesungen werden, einer Sprache, die auch in Deutschland kaum einer noch versteht. 

Der Zwiespalt von Sehnsucht nach der Heimat und Neugier auf das Fremde prägt auch weitere Programme des neuen Festivaljahres: Ethno-Pop aus Israel zusammen mit Andreas Scholls überirdisch schönem Tenor, melodiöser Gesang dreier verzaubernder Feen auf Ladinisch, Balkan-Tunes für Saxofone mit Akkordeon und Schlagzeug - das wirklich Aufregende spielt sich in der Musik meist in den Grenzbereichen zwischen den Stilen ab. Mit Entdecker-Lust führt der KlassikSommer Sie daher immer wieder gerne in diesen Nischen, die wirklich neue Musikerlebnisse bergen. Ihrem Wesen nach war klassische Musik immer schon grenzenlos: Auch Mozart, Beethoven und Brahms sprengten das Korsett der Erwartungen, die ihre Zeit an klassische Musik hatte, griffen auf „Popularmusik“ zurück, auf Tänze und Volkslieder. Eben weil wirklich gute Musik über ihre Entstehungszeit und deren Begrenzungen hinausgeht, weil sie Einflüsse aus der „Alltagskultur“ aufnimmt, ist sie bis heute zeitlos.

Begrenzungen aufheben ist der zweite Leitgedanke des KlassikSommers. Noch vor einiger Zeit wirkte ein solcher Gedanke ziemlich antiquiert, fühlte sich – zumindest die westeuropäische – Welt des 21. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht grenzenlos an: Liberal schien das Adjektiv der modernen Gesellschaften zu sein, Schengen ließ das Empfinden von politischen und geografischen Grenzen verblassen. Den Experimentierwillen von Kunst versuchte kein rigider Traditionalismus mehr zu fesseln. Und schon ist wieder nichts mehr, wie es war. Grenzen – weniger stilistische, als politische und soziale – sind wieder ein Thema, mit dem sich auch die Musik auseinandersetzt. Die ja im Übrigen immer zu sozialen und politischen Fragestellungen viel zu sagen hatte. Vielleicht hat man diesen Aussagen eine Zeit lang nicht mehr gut zugehört. Der KlassikSommer 2017 tut es, tun Sie es auch.

Viel Vergnügen und anregende Grenzverletzungen wünscht 

Ihr Kulturbüro Hamm